Dynamik

Großer Geist

 

Photo: „VALERIE SAJDIK“, Vincent Bartoli

 

Musik: Kurt Weill – I’m a Stranger Here Myself; interpretiert von Valerie Sajdik

 

Vor vielen Jahren und zwei Tagen wollten mir Freunde mit einer nahezu perfekt getarnten Überraschung eine Freude bereiten. Tränen der Rührung durchwässerten schon im Vorfeld das nagelneue Stück Strick, das meinen Leib umhüllte, da ich diese durchschaut hatte und ich mir nicht im Geringsten vorzustellen vermochte, wie ich am besten „absolute Ahnungslosigkeit“ hätte spielen können (man will ja niemanden brüskieren). Ein ähnliches Gefühl zieht sich hin und wieder wie ein lilablassblaukarierter Faden durch mein Leben und setzt meist dann ein, wenn mir meine innere Stimme sagt, dass die Worte und Taten des Gegenübers eventuell nicht korrelieren. Umso angenehmer fühlt es sich an, wenn ich spüre, dass „etwas“ stimmig und überzeugend ist. Ein Stückchen Joseph Croissant zum Beispiel (nein, dies ist keine versteckte Werbung – es schmeckt tatsächlich zum heulen gut). Oder das lustige Gedicht eines originellen Sprachkünstlers...

Die Stimme mit dem weichen Timbre der hochintelligenten Künstlerin im Bild oben schafft es etwa, Gefühle hervorzulocken, von denen man nicht einmal weiß, dass sie tief im Inneren verborgen liegen. Grande Emozione! Während ihres Chansonabends „Paris je t’aime“ im Wiener Konzerthaus vor eineinhalb Jahren, musste ich mich sogar dreimal davon abhalten, nicht LAUT zu schniefen und zu schluchzen, was mir ausgesprochen peinlich gewesen wäre (natürlich hatte ich – wie so oft - die Taschentücher vergessen!). Wer das Konzert, das Valerie Sajdik den Klassikern des französischen Chansons von Edith Piaf bis Jacques Brel, als auch den damit verbundenen großen und zarten Gefühlen widmete (was ihr damit gelungen wäre), damals nicht besucht hat, kann dies, wie angekündigt, am 29. August 2017 im Zuge der HaydnLandTage im Kulturzentrum Eisenstadt nachholen oder abermals genießen. Tickets gibt es über ticketgretchen.com. Übrigens: Valeries neuester Geniestreich heißt „Stranger Here Myself“ (frei nach Kurt Weill und Ogden Nash). Der Titel des eklektischen Jazz-Chansonprogramms bezieht sich nicht nur auf das Leben im Exil, sondern auch auf den „Zustand des sich fremd Fühlens in Situationen des Alltags“ und des „sich fremd Fühlens in der Nacht, als Wirkung der Schlaflosigkeit“ (unter Bezugnahme auf das Album Les Nuits Blanches), sowie „das unbekannte Land der Liebe und der zwischenmenschlichen Beziehungen“ im universellen Sinne. Ebenso interessant auch das Setting: Ein musikalischer, ausdrucksstarker Dialog zwischen der magnetisch wirkenden Chanteuse und dem erstklassigen, französischen Jazzpianisten Cédric Chauveau, in einem quasi wie bei einer Psychoanalyse aufgebauten „Wohnzimmer“; zwischen Alltagsphantasien, Freud’scher Traumphase und Cabaret in der Zwischenkriegszeit. Serviert werden akustische Delikatessen, wie etwa stilvoll-elegante neue Eigenkompositionen der feinsinnigen Musikerin und Salonnière von Welt, als auch Neuinterpretationen von Chansons aus dem Exil, etwa von Kurt Weill, Georg Kreisler oder Friedrich Holländer. Der Spirit von Marlene Dietrich und Edith Piaf durchzieht das von Rosa Paris inszenierte Programm ebenso, wie die Alltagslyrik der Dichterin Mascha Kaléko. Feierliche Vorpremiere ist am 22. Juli 2017 in Saint Privat in Frankreich.

 

Alles Gute von Wolke 7!